Über das Kranksein - Virginia Woolf

Dieser Tage sind Isolation und Krankheit ständiges Thema. Und auch wenn wir uns meistens bemühen der Wirklichkeit mithilfe von Tipps wie diesem zu entgehen, hilft es manchmal auch sich verstanden zu fühlen. Eine unserer Lieblingsautorinnen, Virginia Woolf, war zwischen 1918 und 1919 in einer ähnlichen Situation wie viele von uns jetzt. Damals wie heute verbreitete sich ein Virus um die ganze Welt. Woolf erkrankte in den letzten Monaten des Jahres 1919 selbst an der spanischen Grippe, die zu diesem Zeitpunkt England fest im Griff hatte. Erst im Jahr zuvor hatte sie sich eine schwere Influenza eingefangen, die ihr sehr zusetzte. Am 20. Oktober 1918 schrieb sie in ihr Tagebuch: „Schmerz ist abscheulich, aber unter Berücksichtigung der Übertreibungen und Schrecken der armen Kreatur hat Lytton, wie ich mir vorstellen kann, eine ausreichende Dosis Entsetzen erhalten, und der Arzt warnte Carrington im Vertrauen, dass die Gürtelrose Monate bleiben könnte. Allerdings meidet Lytton London wahrscheinlich … wegen der Influenza (wir befinden uns übrigens mitten in einer Plage, die seit dem Schwarzen Tod unerreicht ist, der Times zufolge [...])“

Später setzte sie sich literarisch mit Krankheit auseinander. Sowohl in Mrs. Dalloway aus dem Jahr 1925, in dem die Figur Clarissa als geschwächt von der Krankheit porträtiert wird, als auch in einem Essay aus dem Jahr 1930 namens Über das Kranksein:

„In Anbetracht dessen, wie häufig Krankheiten sind, wie gewaltig die damit verbundenen spirituellen Veränderungen, wie frappierend der Einschnitt, wenn die Lichter der Gesundheit ausgehen, welche unentdeckten Länder dann offengelegt werden, welche Abfälle und Wüsten der Seele ein leichter Grippeanfall sichtbar macht, welche Abgründe und Grünflächen, die mit hellen Blumen bestreut sind, ein kleiner Temperaturanstieg freilegt, welche alten und stumpfen Eichen durch Krankheit in uns entwurzelt werden, wie wir in die Grube des Todes hinabsteigen und das Wasser der Vernichtung dicht über unseren Köpfen spüren und wie wir aufwachsen und denken, wir befänden uns in der Gegenwart der Engel und Harfenspieler, wenn uns ein Zahn gezogen wird und wir im Sessel des Zahnarztes zu Bewusstsein kommen und sein "Mund ausspülen - Mund ausspülen" mit dem Gruß einer Gottheit verwechseln von den Toren des Himmels, um uns willkommen zu heißen – wenn wir daran denken, wie wir so häufig gezwungen sind, daran zu denken, wird es in der Tat seltsam, dass die Krankheit ihren Platz nicht mit Liebe, Kampf und Eifersucht unter den Hauptthemen der Literatur eingenommen hat. Romane, hätte man gedacht, wären der Influenza gewidmet gewesen; epische Gedichte dem Typhus; Oden an Lungenentzündungen; Texte zu Zahnschmerzen.“

Auszug übersetzt aus „On Being Ill“ in „The Moment and Other Essays“, Ausgabe von 1947, Hogarth Press.